Gehörlose im Film sollten auch von ihnen gespielt werden

Der Saarland-Tatort vom 24. Januar 2016 wird jetzt schon mit Spannung erwartet: Er spielt in der Gehörlosenszene, Gehörlose spielen mit und DEAF MAGAZINE-Redaktionsmitglied Julia Probst hat am Drehbuch mitgearbeitet. Eine weitere Besonderheit: Die Gebärdensprache wird nicht für Hörende untertitelt. Christian Bauer, erster Redakteur beim saarländischen Rundfunk, über das Konzept dieses besonderen Tatorts.

Herr Bauer, warum haben Sie sich gegen Voice Over und Untertitel entschieden?
Voice Over kommt nicht in Frage, weil wir damit die Aufmerksamkeit der hörenden Zuschauer von der Gebärdensprache weglotsen auf die ihnen vertraute Ebene der Kommunikation. Wir machen aber einen Film über Kommunikation. Die Hörenden müssen sich auf die Welt der Gehörlosen einlassen, wenn Sie der Handlung folgen wollen. Auch im wahren Leben ist ja nicht immer ein Dolmetscher dabei, der übersetzt. Deshalb haben wir an den Stellen, an denen es für das Verständnis der Handlung zwingend nötig ist, Textinserts im Bild eingeblendet, aber nicht den kompletten Dialog. Diese Inserts sind aber keine Untertitel, sondern stehen mitten im Bild. Die Augen der Zuschauer sollen auf den Gebärdenden bleiben. Und es gibt natürlich auch Szenen, in denen wir ganz auf die Inserts verzichten

Wird die Videotexttafel 150 nach wie vor genutzt?
Ja, hier wird in Untertiteln zu lesen sein, was gesprochen wird. Die nötigen Texthinweise zu den Gebärdenden stehen ja schon im Bild.

Wie ist die Resonanz bisher auf Ihr Konzept und welche Erwartungen haben Sie an die Ausstrahlung?
Die gehörlose Community beobachtet den Tatort natürlich sehr aufmerksam, weil es ihr Thema ist. Deshalb war es uns auch wichtig, gehörlose Schauspieler und Komparsen zu finden. Ohne diese könnten wir keinen authentischen Film herstellen. Und was die Resonanz im Land angeht, warten wir die Ausstrahlung ab. Wenn die Zuschauer anschließend sagen: Wir haben einen spannenden Krimi gesehen und dabei auch noch etwas darüber gelernt, wie Menschen miteinander kommunizieren, dann bin ich sehr zufrieden.

Kann dieser Tatort ein Brückenschlag sein zwischen der Welt der Gehörlosen und der Hörenden?
Ob ein Tatort das vermag? Er ist ein Angebot, miteinander ins Gespräch zu kommen. Jeder Hörende im Team – vom Produzenten über den Regisseur, Redakteur und Autor bis hin zu Maske und Kamera ­– war nach den Dreharbeiten um einiges reicher an Erfahrung und an Wissen. Es gab so ein allgemeines WOW-Gefühl. Und bei unseren gehörlosen Stars Benjamin Piwko, Kassandra Wedel und Jessica Jaksa habe ich eine ähnliche Stimmung erlebt. Für die Filmschaffenden war es also dieser Brückenschlag. Ich bin gespannt, wie viele Zuschauer sich davon anstecken lassen.

Wird dieses Konzept Schule machen?
Das Konzept, Gehörlose nur mit gehörlosen Schauspielern zu besetzen, sollte Schule machen. Sonst ist es fast unmöglich, authentisch zu sein. Natürlich gibt es nur wenige ausgebildete gehörlose Schauspieler. Daran könnte die Gesellschaft arbeiten.

 

Christian Bauer

Foto: Copyright SR

4 Comments

  • Der Film “Tatort ” hat am letzten Sonntag mir gut gefallen. Ich finde es toll, dass die einige taube Schauspieler/innen und eine hörende Gebärdensprachdolmetscherin dabei mitgespielt haben.

    Ich frage mich, ob alle Tauben vom Mund gut ablesen können.

    Es wäre toll, wenn ein/e Gebärdensprachdozentin/in ( selbst taub) statt Gebärdensprachdolmetscher/in ( selbst hörend) per Internet Gebärde -Vokabel z.B. POLIZEI zeigen würde.

  • Frank Pitz sagt:

    Ich habe mich richtig gefreut darüber Tatort im TV ARD geschaut und gut verstanden. Ich finde *top*
    Ich hoffe jemand auch gut zufrieden ;)

  • Guten tag,
    Ich bin Gehörlose und wohne im luxemburg.
    Gestern ich habe tv tatort (ard) geschaut das ist sehr toll!! Freue mich so sehr :D
    Danke

  • Tommy sagt:

    Ich möchte Ihnen vorab mein Kompliment geben für Ihre mutige Entscheidung, die Rollen mit echten Gebärdensprachnutzer zu besetzen. Sie werden schon Ihr Vertrauen mit ihren tollen schauspielerischen Leistungen zurückzahlen (gemeint sind die Gehörlosen, für mich Begriff Gebärdensprachnutzer positiv und nicht defizitär)

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